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dj hell @ puu
43 Lebensjahre, 1 international erfolgreiche Plattenfirma, tausende
von DJ Gigs, 3 Alben als Künstler, 1 Fussballtrainerlizenz,
4 renommierte Musikpreise, 1 Ford Mustang, 1 eigener Club. Kann
man Erfolg quantifizieren? Vielleicht. Kann man DJ Hell quantifizieren?
Nein. Auch wenn die obenstehenden Zahlen beeindruckend sind,
das Phänomen Hell erklärt sich nicht durch Auflistungen.
Vielmehr durch Geschichte. Dadurch, dass Hell, 1962 in Altenmarkt
bei Traunstein in Oberbayern geboren, den weltweiten Durchbruch
geschafft, ohne einen faulen Kompromiss, ohne ein Biegen seiner
Selbst. Dadurch, dass er nach vielen Jahren als DJ und Labelbetreiber
immer noch Cutting Edge ist, immer noch im heute lebt, immer
noch hipper ist als jeder Zwanzigjährige.Ein Star DJ
ohne Interesse an Drogen, ein glühender FC Bayern Fan,
der mit Donatella Versace zusammenarbeitet, den Schweinsbraten
seiner Mutter verehrt, das achtziger Jahre Revival fast eigenhändig
losgetreten hat und von New York bis Tokio so ziemlich jeden
Club in Grund und Boden gerockt hat. All das in einem Leben.
Das ist DJ Hell.
Mit dem Auflegen hat es angefangen. Zuerst im Libella, draussen
auf dem Land, wo er so innovativ, so spannend war, dass es
nur eine Frage der Zeit war, bis er Dauergast im nahegelegenen
München wurde. Dort dann EBM und die Frühphase von
Techno, da hat er schon selbst mehr geprägt als dass
er geprägt wurde. Bis dann die ersten Clubs aus anderen
Städten ihre Scheibe Hell haben wollten. So hat er die
Welt kennengelernt. Die ersten eigenen Veröffentlichungen
waren nur eine Frage der Zeit: "My Definiton Of House
Music" - die ist bis heute noch gültig - und "Geteert
und Gefedert", das erste Album. Streng, hart, minimal,
das hat er den Leuten gezeigt und als sie es verstanden hatten,
hat er sich sofort weiterbewegt. Zu diesem Zweck hat er sein
eigenes Label gegründet, International DeeJay Gigolos,
hat Musik veröffentlicht, die neu und aufregend ist,
Miss Kittin & The Hacker, Fischerspooner, Zombie Nation,
Psychonauts, Terranova, alles führende Namen der internationalen
Elektronik Szene. Und währenddessen an seiner eigenen
Künstlerkarriere weitergedreht. "Munich Machine",
ein Denkmal für eine Stadt, die er zu seiner eigenen
gemacht hat. Mit dem Barry Manilow Cover "Copa",
Überhit. 2000 dann ein eigener Club, natürlich draussen
in Traunstein, die "Villa". Da sehen die Menschen
anders aus als in einem normalen Techno Club, da versteht
man, dass Innovation eine Frage der Geisteshaltung ist und
nicht der Herkunft. Im Sommer 2003 erscheint sein neues Album
"N.Y. Muscle". Wieder neu, wieder ganz anders, wieder
sich selbst erfindend. Hell arbeitet mit P. Diddy zusammen,
mit dem Playboy Gründer Hugh Hefner. All das in einem
Leben.
Getroffen habe ich ihn nie. Gesehen habe ich ihn dagegen
oft. Im Ultraschall Club in München, Mitte der neunziger
Jahre. Konzentriert, in der Musik drin, ein Fluidum. Oder
im Fernsehen, bei der Übertragung der Love Parade 2000,
über einer Million Menschen thronend. Auch in München,
zweimal, auf der Strasse eilend, mit hochgeschlossenem Mantel,
da denkt man zuerst an einen sehr stilbewussten Businessmann
und sieht dann noch ein zweites Mal hin. Das Sehen ist bei
Hell ein ganz wichtiger Schlüsselreiz. In 25 DJ Jahren
hat er es geschafft, neben der "reinen Lehre" der
Musik auch eine Ästhetik zu vermitteln. Völlig logisch
für jemanden, für den Punk und New Wave die Einstiegspunkte
waren. Der eigene Look, das Selbermachen, die visuelle Abgrenzung:
So muss das gewachsen sein. So jemand stellt sich nicht im
Muskelshirt mit hochgeschobener Sonnenbrille und Tribal Tattoo
hinter die Plattenspieler. Später ging es dann um High
Fashion. Schwarze Anzüge, gut geschnittene Hemden, schwarz
weisse T-Shirts, die mit dem Smilie Wahn der Rave Generation
nie auf einen Nenner zu bringen waren. Aber auch um Eigenständigkeit,
das wahllose Leerkaufen von Edelboutiquen ist sein Ding nicht.
Heute ist Hell der DJ auf allen Couture und Pret-a-Porter
Schauen von Donna Versace, legt für Dirk Schönberger
in Paris auf und arbeitet mit dem belgischen Star Designer
Raf Simons an einem Musikprojekt. Hell fährt einen Ford
Mustang, Baujahr 1965. Hell lässt sich von "Totmacher"
Regisseur Romuald Karmakar in einer einzigen Kameraeinstellung
während eines Clubsets im Berliner WMF filmen, als "196
bpm" landet der Film im Programm der Berlinale. Ein DJ,
der vornehmlich elektronische Musik auflegt, hat nicht viel
Platz, um sich selbst zu erklären.
Hell muss sich nicht erklären. Ein eigener Stil, ein
"Alles Geht" Credo haben ihn dorthin gebracht wo
er heute steht. Ich bin mir sicher: Würde ich ihn fragen,
wo die Grenze, das Limit liegt, er sähe mich verständnislos
an. Ein Phänomen.
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